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Das aktuelle Qualifikationsmodell der FEI - kritisch betrachtet



Olympische Spiele über alles?
19.02.2012

London. Noch knapp 5 Monate sind es bis zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 2012 in London und ein besonderer Grund für die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) zu feiern, da der Reitsport seit Stockholm 1918 Bestandteil dieses weltweit größten sportlichen Ereignisses ist.

Ob die Entwicklung des Reitsports in den vergangenen 100 Jahren auch ein Grund ist, in diese Jubelarien einzustimmen, erscheint fraglich, wenn man sich mal die Ereignisse im vergangenen Jahr und speziell in den letzten Monaten bis zum Stichtag 31.12.2011 anschaut. Denn bis zu diesem Termin mussten die Pferde demjenigen/derjenigen Reiterin zur Verfügung stehen, der sie auch im Londoner Greenwich Park vorstellen möchte.


Hier möchten alle hin: das nur für Olympia angelegte Dressur- und Springstadion in Greenwich/London (Foto: Trevor Holt)

Besonders nach dem souveränen Titelgewinn von Michael Jung und seinem Stan-the-Man xx Nachkommen
La Biosthetique Sam
bei den Weltreiterspielen 2010 in Kentucky sowie dem nachfolgenden Gerangel um die Besitzrechte, das letztlich zu einem Verkauf in bisher nie vorstellbare Preishöhen für Vielseitigkeitspferde führte, folgte vor allen Dingen aus dem Ausland – und hier speziell den USA – ein Run auf deutsche Buschpferde.

Dies hatte zur Folge, dass dem Bundestrainergespann Hans Melzer/Chris Bartle aus dem Championatskaderkreis mit Butts Leon (Andreas Dibowski) und Mr. Medicott (Frank Ostholt) zwei mögliche Olympiapferde nicht mehr zur Verfügung standen. Dies war aus Sicht der Pferdebesitzer nachvollziehbar und zumindest im Falle von Butts Leon auch professionell abgewickelt, aber sportlich ist der Verlust dieser beiden Toppferde schmerzlich. Ob sie mit den neuen Reiterinnen Nina Ligon (Thailand) und Karen O'Connor (USA) in Greenwich eine ernsthafte Konkurrenz werden können, bleibt abzuwarten, da zumindest die Amerikanerin erst einmal ein Qualifikations-ergebnis erreichen muss. Ganz ohne Vorankündigung und Rücksprachen mit den Trainern erfolgte der Verkauf des potentiellen Olympiapferdes Charlie Weld durch Kai Rüder an die Amerikanerin Jules Stiller, die sich persönlich ein Bild von dessen Qualitäten beim Sieg im CCI*** Bramham 2011 machen konnte. Bisher konnte dieses Paar seine Olympiaambitionen nicht untermauern.

Apropos Qualifikation – für den Betrachter bleibt das Reglement der FEI wenig nachvollziehbar. Bisher haben sich elf Nationen einen Startplatz gesichert: Kanada, Neuseeland, USA, Deutschland, Belgien, Frankreich, Schweden, Japan, Brasilien, Argentinien und Gastgeber Großbritannien. Diese Teams könnten theoretisch maximal 55 Startplätze beanspruchen, wenn alle das Kontingent von 5 Teilnehmern je Nation ausschöpfen. Dafür haben die Reiter/innen dieser Länder immerhin bis zum 17. Juni 2012 die Chance, das erforderliche Qualifikationsresultat zu erbringen.


Piggy French (GBR) würde ihren Sieg beim Testevent gerne bei Olympia wiederholen (Foto: Trevor Holt)


Nach dem Reglement sind dann noch mindestens zwanzig weitere Startplätze frei. Diese werden bereits nach dem Stand der Weltrangliste am 1. März 2012 festgelegt. Warum dieses frühe Datum durch den Weltreiterverband gewählt wurde, ist fragwürdig, hat jedenfalls zur Folge, dass am letzten Februarwochenende in Ballindenisk/Irland und Montelibretti/Italien zwei CCI's *** stattfinden, wo letztmalig Punkte für die Weltrangliste gesammelt und Startplätze bei Olympia gesichert werden können. Zumindest aus Montelibretti  wurden bis vor wenigen Tagen chaotische Wetterverhältnisse nach einem ungewöhnlichen Wintereinbruch gemeldet.

Unabhängig von den äußeren Bedingungen sei die Frage erlaubt, was dies soll und wer dabei mal an die Pferde gedacht hat? Die Europameisterin des Jahres 2009, die Britin Kristina Cook äußerte sich kürzlich in einem Interview mit dem Telegraph verhalten kritisch: „Going straight into a CCI isn’t ideal but we need to get qualified as soon as possible; then it’s for me to work out next what I have to do to get on the squad."
Nach der langen verletzungsbedingten Pause ihres Toppferdes Miner's Frolic und vor dem Hintergrund der starken Konkurrenz im britischen Team bleibt ihr kaum eine andere Chance – ist das im Sinne des Sports und eines vernünftigen Trainingsaufbaus? Ist so etwas pferdegerecht? Ganz sicher nicht!
Für mich ist das ein Beispiel, wie weit „Spitzenfunktionäre“ von der Basis entfernt sind und belegt, wie wenig die Interessen der SportlerInnen und ihrer Pferde überhaupt eine Rolle spielen. Auf der anderen Seite müssen sich die Aktiven die Frage gefallen lassen, warum sie sich gegen solche unsinnigen Regularien nicht zur Wehr setzen. Hier fehlt es vermutlich an der erforderlichen Einigkeit, denn auch die international aufgestellte Organisation
Event Riders Association (ERA) konnte bisher nicht die Interessenvertretung sein, die sie immer sein wollte.

Es werden Diskussionen über mehr Sicherheit geführt und gemahnt, dass alles für weniger Unfälle und Stürze im Gelände unternommen werden muss, aber auf der anderen Seite hat die FEI kein Problem damit, zwei lange Dreisterneprüfungen Ende Februar zu genehmigen - Olympische Spiele finden ja auch nur alle vier Jahre statt.
Medaillenkandidat Australien braucht sich über diese unsinnige Saisonplanung keine Gedanken zu machen, da es über die Weltrangliste bereits fünf Startplätze sicher hat. Nach dem peinlichen Auftritt beim Qualifikations-turnier in Blenheim, wo die japanische Mannschaft mit einer B-Mannschaft besiegt werden sollte, hätte den Aussies ein Denkzettel nicht geschadet. Unter dem eindeutigenTitel „Operation Greenwich Gold“ hat die Vorbereitung begonnen und mit der Hilfe des deutschen Springreiters
Gilbert Böckmann als Coach soll der Traum vom Mannschaftsgold verwirklicht werden.

In Zugzwang sind dagegen vor allen Dingen die Iren, Italiener und Niederländer, die nach jetzigem Stand nur wenige Reiter/innen und keine Equipen qualifiziert haben. Kein Wunder also, dass der Italiener Fabio Magni im November 2011 nach Adelaide/Australien reiste, wo er mit Watermark Grayson am CCI**** teilnahm - den hatte er drei Wochen vorher beim CIC*** Canberra erstmals in einer Prüfung geritten. Die Niederländerin Merel Blom mutete ihren beiden Pferden Umberto und Rumour has it nach wenig erfolgreichen Auftritten beim CCI***Boekelo 2011 einen Flug in die USA zu, um dort einen Monat später beim CCI*** Temecula weitere Punkte einzufahren, was aber nur mit einem Pferd gelang. Bereits am ersten Februarwochenende findet man diese Reiterin mit beiden Pferden wieder in den Ergebnislisten des CIC*** Dos Hermanas in Spanien. Ist das vorbildlich für den Nachwuchs? Ist das pferdegerecht? Aber wen interessiert das ? Eine Anfrage bei der FEI, ob diese immer häufiger zu beobachtenden, kurzfristigen Einsätze der Pferde noch pferdegerecht sei und mit dem in jeder Ausschreibung veröffentlichen "Code of Conduct" vereinbar sei, wurde lapidar mit dem Hinweis auf die anwesenden Tierärzte beantwortet. 


Würden gerne in London noch einmal dabei sein: Hinrich Romeike und Marius (Foto:FEI)

Anfang Januar hat der Doppelolympiasieger von Hongkong - Hinrich Romeike nochmals öffentlich bekannt-gegeben, dass er den Traum von einem erneuten Start bei Olympia mit seinem Schimmel Marius noch nicht aufgegeben hat. Dies sei ihm gegönnt, aber warum ist das so erstrebenswert ? Sein Triumph 2008 wird sich nach der langen Verletzungspause schwerlich wiederholen lassen - ganz abgesehen davon, dass nach einer solchen Verletzung und einem bereits gescheiterten Comebackversuch die Chancen gering sein dürften, dass Marius noch einmal in den Sport zurückkehren wird. Warum eine Teilnahme bei Olympia etwas ganz Besonderes ist, können wohl nur die Aktiven vermitteln.

 




DER VERKAUF VON MR. MEDICOTT, DIE PEINLICHEN  VERÖFFENTLICHUNGEN IN DEN MEDIEN UND DIE FOLGEN FÜR DEN VIELSEITIGKEITSSPORT                                                                                        
18.11.2011
Nach einem sportlich sehr erfolgreichen Jahr für den deutschen Vielseitigkeitssport mit dem sensationellen Abschneiden bei den Europameisterschaften in Luhmühlen, hinterlässt der gestern bekannt gewordene Verkauf des Championatskaderpferdes Mr. Medicott und die in diesem Zusammenhang veröffentlichen Details in der Fachpresse einen ganz bitteren Beigeschmack.

Im Gegensatz zu den Verkäufen von Andreas Dibowski's Toppferd FRH Butts Leon sowie der Nachwuchshoffnung Charlie Weld von Kai Rüder an die Amerikanerinnen Nina Ligon und Jules Stiller, lief bei dem jüngsten Deal mit den finanzkräftigen Besitzern aus Übersee einiges schief und der Schaden, der  dadurch für den Sport entstanden ist, kann noch nicht abgesehen werden.


                            Ein Bild aus vergangenen Tagen: Mr. Medicott und Frank Ostholt bei den Weltmeister-
                            schaften 2010 (Foto: Trevor Holt)

Für mich gibt es in erster Linie zwei Aspekte, die einen ganz bitteren Beigeschmack hinterlassen. Wie kann es sein, dass ein Mitglied des Championatskaders den Verkauf eines Toppferdes eines anderen Kadermitglieds in die Wege leitet? Selbst wenn er tatsächlich vom Besitzer des Pferdes angesprochen wurde und bekannt ist, dass er im Pferdehandel tätig ist, hätte er diese Anfrage direkt ablehnen müssen. Vielleicht bin ich zu altmodisch und entstamme definitiv einer Generation, in der andere Werte wichtig waren. Hier ging es mal wieder um sehr viel Geld, denn natürlich erhält der "Vermittler" eine Provision, die bei diesem Verkauf üppig sein dürfte. Darüber hinaus steigen dadurch auf den ersten Blick die eigenen Chancen, eines der begehrten fünf Olympiatickets zu erhalten, auch wenn Frank Ostholt mit Little Paint ein anderes Viersternepferd zur Verfügung steht. Für mich hat Dirk Schrade damit ein folgenschweres Eigentor geschossen, denn alleine die Tatsache, dass die FN, deren scheidender Geschäftsführer Reinhard Wendt langjähriger Förderer von Frank Ostholt ist, sich in einer offiziellen Stellungnahme an die Presse gewandt hat, lässt erahnen, dass diese Aktion nicht ohne Konsequenzen bleiben wird.

Es bleibt natürlich die Frage, ob Frank Ostholt, Reinhard Wendt, der Bundestrainer und der Ausschuss tatsächlich nichts von den Verkaufsabsichten wussten, was bezweifelt werden muss . Aus Sicht des Besitzers, der wie viele andere über Jahre viel Geld in den Sport investiert hat, ist solch ein Verkauf bei Summen, die vor wenigen Jahren in der Vielseitigkeit undenkbar waren, völlig nachvollziehbar. Blickt man z.B. mal in die Preisgeldliste  2011 des renommierten CCI*** Boekelo, dann muss jeder Aktive froh sein, einen finanzstarken Besitzer zu haben. Dort gab es z.B. für den 7.Platz bei mehr als 100 Startern stolze 500 €. Zieht man davon nur mal "Entry and Stable FEE" in Höhe von 475 € ab, wird deutlich, wie "verrückt" jemand sein muss. 

Sicherlich sollten sich die Verantwortlichen bei der FN und im Ausschuss Vielseitigkeit aufgrund der Erfahrungen ganz schnell Gedanken machen, wie man in Zukunft solche Verkäufe verhindern könnte. Dafür gibt es bereits seit vielen Jahren bekannte Modelle, auf die aber nur in Einzelfällen zurückgegriffen wurde.
Nach meinen Informationen ist dies zwischenzeitlich bei Opgun Luovo geschehen, aber es gibt weitere, vielversprechende Pferde im Hinblick auf die WM 2014 und Olympische Spiele 2016, die in Deutschland bleiben müssen, wenn an die Erfolge der letzten Jahre angeknüpft werden soll.
In Großbritannien wechseln häufig Drei- und Viersternepferde den Besitzer/Reiter(in), aber British Eventing und Sponsoren sorgen dafür, dass Kaderpferde im Land bleiben.

Die andere, peinliche Seite dieser Geschichte ist das, was auf den beiden deutschen Vielseitigkeits-Internetseiten zu diesem Verkauf veröffentlicht wurde. Auf die Details brauche ich hier nicht einzugehen, aber jeder, der vertrauliche Informationen weitergegeben und dazu beigetragen hat, welches Bild der Vielseitigkeitssport damit abgeliefert hat, sollte sich fragen, was er/sie damit erreichen wollte.Ganz sicher ist, dass damit großer Schaden angerichtet wurde.
Eine pikante Note erhält die Geschichte durch die interessante Konstellation, dass der Verantwortliche für die beiden Websiten der beteiligten Reiter gleichzeitig Herausgeber der Homepage www.german-eventing.de ist und damit eine unabhängige, neutrale Berichterstattung gar nicht möglich ist. Deshalb konnte es niemanden überraschen, dass dort versucht wird, Verständnis für das Handeln des einen "Kunden" zu wecken und Frank Ostholt schon in freudiger Erwartung auf neue Pferde seines Sponsors wartet......

Abschließend möchte ich einen kleinen Auszug aus einer Veröffentlichung aus dem Organ "Olympisches Feuer" zitieren und hoffe, dass dies manchen Topsportler zum nachdenken veranlasst: Im Rahmen einer aktuellen Studie der Deutschen Sporthilfe und der Deutschen Sporthochschule Köln gaben 87 Prozent der Deutschen an, dass diese Athleten eine Vorbildfunktion in punkto Fairness haben. In der Realität sieht es heute so aus, dass immer mehr Fairness-Preise verliehen oder Fairness-Initiativen gegründet werden, was belegt, dass Fairness nicht mehr normal ist. 





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